Brennpunkt Karrierewahl – was ist eigentlich Interim Management?

Während es für einige eine willkommene Abwechslung ist im Job-Alltag täglich in neuen Abteilungen mitzuarbeiten, ist dies für andere eine wahrhaftig grauenhafte Vorstellung. Schließlich wird man aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, muss die neuen Kollegen erstmal kennenlernen und sich erstmal an die internen Hierarchiestufen der jeweiligen Abteilung gewöhnen.

Interim Manager haben mit sowas kein Problem. Im Gegenteil: vor allem jahrelang erfahrene Interim Manager blühen in diesem Alltag wahrlich auf!

Doch was genau macht ein Interim Manager eigentlich und vor allem: was macht einen guten Interim Manager eigentlich aus?

Um diese Fragen zu klären, haben wir ein Interview mit Herrn Dr. Reinhard Schützdeller geführt, seinerseits Interim Management Provider seit über 15 Jahren und Geschäftsführer der SI Interim Management GmbH. Das Ergebnis dieses spannenden Interviews lest ihr hier!

Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Interim Management“ und wann kommt ein Manager dieser Art zum Einsatz?

Interim Management wurde früher auch als“ Management auf Zeit“ bezeichnet. Es geht also um den zeitlich begrenzten Einsatz eines externen Managers innerhalb der Organisation des Auftraggebers. Der Interimmanager arbeitet auf der Grundlage eines Dienstleistungsvertrags, in dem Einsatzort, Zeitdauer, Aufgaben, Vergütung und Stellung innerhalb der Hierarchie des Auftraggebers festgehalten sind. Der Interimmanager wird während seines Einsatzes nicht als Mitarbeiter gezählt. Sein Einsatz erhöht nicht die Kopfzahl. Sein Honorar belastet daher nicht das Gehaltsbudget, sondern wird unter den variablen Kosten abgerechnet.

Die Spannweite für den Einsatz eines Interimmanagers geht über alle Hierarchiestufen und Funktionen. Der häufigste Bedarfsfall ist die sogenannte Vakanzüberbrückung. Hierbei nimmt der Interimmanager exakt die Position ein, die z.B. durch Krankheit, Kündigung oder Versetzung ungeplant vakant geworden ist.

An zweiter Stelle steht die zeitlich befristete Leitung eines Projekts, für das im eigenen Unternehmen kein Mitarbeiter mit geeigneter Qualifikation zur Verfügung steht. Der Interimmanager nimmt hierbei die Position eines Projektmanagers mit allen Rechten und Pflichten ein.

Im dritthäufigsten Bedarfsfall nimmt der Interimmanager eine Querschnittsfunktion wahr, die sich nicht einem konkreten Ressort allein zuweisen läßt. Typische Einsatzfälle sind Restrukturierungen und Sanierungen, die Integrationen zugekaufter Unternehmensteile (post merger) oder die Implementierung von Management-Tools (IT, Lean Management, Qualitätsmanagement).

Was macht einen guten Interim Manager aus?

Es gibt eigentlich nicht den „guten“ oder den „schlechten“ Interimmanager. Bei einem besonders positiven Einsatzverlauf eines Interimmanagers fällt auf, daß sich beide Seiten vor Vertragsabschluß gegenseitig geprüft haben, ob neben den fachlichen Voraussetzungen auch der soziale Fit gegeben ist. Kompetenz ist selbstverständlich. Entscheidend für den Einsatz eines Interimmanagers ist aber, daß er – bei aller Kompetenz – bei seinem Auftraggeber keine allergische Reaktion hervorruft und abgestoßen wird. Darüber hinaus werden erwartet: Loyalität, Verschwiegenheit und Neutralität.

Einen „guten“ Interimmanager wird man am ehesten daran erkennen, daß er ein Mandat gar nicht erst annimmt, wenn er sich seiner Sache nicht sicher ist.

Was sind grundsätzlich Hindernisse für den Einsatz von Interim Managern?

Der Einsatz eines Interimmanagers ist die letzte Reißleine, die erst dann gezogen wird, wenn alle anderen Maßnahmen nicht gegriffen haben. Bis zuletzt wird darüber diskutiert, ob es nicht doch einen internen Kandidaten gibt, jemanden aus der zweiten Reihe, oder einer den man sich bei dieser Gelegenheit mal beweisen läßt, oder einer aus ähnlicher Funktion in einer anderen Division,…Man dreht und wendet sich, und am Ende bekommt lieber der interne Kandidat den Zuschlag, selbst dann, wenn er geringer qualifiziert ist als der Interimmanager.

Und natürlich spielt der Tagessatz eine Rolle. Die Vergütung eines Interimmanagers kann im Durchschnitt 1.100.-€ plus Spesen schnell überschreiten – pro Tag. Da kommt die Frage auf, wer noch ein Budget in dieser Höhe hat, und auf wessen Kostenstelle abgerechnet wird. Da hilft es wenig, wenn der Interimmanager bereit ist, einen Teil seines Honorars erfolgsabhängig zu machen. Kein Budget- kein Mandat. Erstaunlicherweise wird die Budgetfrage oft erst dann diskutiert, wenn der Interimmanager seine Vorstellungsrunden abgeschlossen hat und der Vertragsentwurf bereits vorliegt.

Und schließlich gibt es noch die leidige Diskussion über die Scheinselbständigkeit, die von der Leiharbeit ins Interim Management hinübergeschwappt ist. Inzwischen gibt es klare vertragliche Regelungen, die den Einsatz eines Interimmanagers als selbständige Arbeit definieren. Damit dürfte dieser Punkt ausgeräumt sein.

In welchen Ländern ist es Ihrer Ansicht nach besonders schwer, in welchen besonders einfach, als Interim Manager zu fungieren und wieso?

Die DACH-Länder gelten als unkritisch. Auch Einsätze von Interimmanagern für Unternehmen aus den DACH-Ländern in Drittstaaten für Standardpositionen wie Werkleiter oder CEO / CFO von Tochtergesellschaften sind nicht problematisch. Schwieriger wird die Besetzung von Interim-Mandaten in fremden Kulturkreisen wie z.B. Brasilien oder China, weil der Interimmanager mit Sprache und Kultur seines Einsatzlandes bereits vertraut sein muß, bevor er vor Ort geht. Dasselbe gilt übrigens auch für Frankreich.

Aus Sicht eines Interim Management Providers sind die größten Herausforderungen Anfragen nach Interimmanagern für Hard Core Countries. Dazu zählen der Nahe Osten und die meisten afrikanischen Länder. Die Auswahl an Interimmanagern, die sich dort sicher bewegen und verständigen können, ist sehr klein. Meistens geht es um erfahrene Projektmanager im Anlagenbau, die spezielle Kenntnisse in der Verfahrenstechnik mitbringen müssen .

In welcher Branche sind Interim Manager am meisten gefragt?

Die meisten Interim Management-Mandate werden im Bereich Automotive vergeben. Das gilt sowohl für die Kfz-Hersteller als auch für die Kfz-Zulieferer. In diesem Sektor werden nahezu alle Funktionen gelegentlich mit Interimmanagern besetzt, sowohl in der Linie als auch als Projektmanager. Die meisten Interimmanager werden in fertigungsnahen Bereichen eingesetzt, dicht gefolgt als Projektmanager bei der Einführung neuer Modelle.

Mit über 15 Jahren Erfahrung im Interim Management kennen Sie die Branche sehr gut. Wie hat sich die Interim Management Branche in den letzten Jahren verändert?

Das Interim Management hat sich als wertvolles Instrument zur zeitlichen Beschaffung von qualifiziertem Personal etabliert. Nicht nur die Anzahl der Interimmanager ist erheblich gestiegen, sondern auch deren Qualifikation. Interimmanager finden Einlaß in Top-Position wie Geschäftsführung, CEO, CFO, COO etc. Die Vorbehalte von seiten der Auftraggeber klingen ab. Da die Auswahl an Interimmanagern heute größer denn je ist, können die Mandate mit mehr Paßgenauigkeit besetzt werden. Die Zufriedenheit der Auftraggeber mit ihren Interimmanagern ist dadurch ebenfalls gewachsen. Das drückt sich auch in den Laufzeiten von Interim-Mandaten aus, die immer länger geworden sind.

Die Bedeutung der Interim Management Provider ist etwas schwächer geworden, weil die Interimmanager gelernt haben, sich selbst zu vermarkten. Mehr Auftraggeber wenden sich direkt an Interimmanager, die sie bereits aus früheren Einsätzen kennen. Hinzu kommt, daß sich manche Auftraggeber eine eigene Datenbank an Interimmanagern angelegt haben, die sie im Zuge früherer Besetzungen kennengelernt haben. Das macht den verfügbaren Markt kleiner, obwohl die Gesamtzahl der Interim-Mandate steigt.

Der verfügbare Markt für Interim Management wird noch kleiner, wenn man außerdem die Auftraggeber abzieht, die ihre Anfragen nur noch eine 2-3 Interim Management Provider schicken, die bei ihnen gelistet sind. Für nicht gelistete Provider, die womöglich außerdem keine direkte Kundenbeziehung haben und neu an den Start gehen, sind die Eintrittsbarrieren schon sehr hoch.

Welchen Einfluss hatten die sozialen Medien auf diese Veränderung?

Die sozialen Medien machen es Auftraggeber und Interimmanagern leichter zueinander zu finden. Für die Interimmanager sind ihre Profile in den sozialen Medien ein wichtiges Akquise-Instrument. Für die Auftraggeber sind soziale Medien zu einem Kernelement bei der Recherche nach geeigneten Kandidaten geworden. Trotzdem ist der Anteil der Interim-Mandate, die über soziale Medien zustande kommen, noch immer sehr gering. Tendenziell verschärfen die sozialen Medien jedoch die Konkurrenz zwischen den Interimmanagern und den Providern.

Andererseits erleichtern die sozialen Medien das Finden von kompetenten Ansprechpartnern bei den auftraggebenden Unternehmen. Manchmal kommt darüber auch ein erster Kontakt zustande. Das ist im Vertriebsprozess immerhin ein erster wichtiger Schritt, aber mehr auch nicht. Die meisten Kontakte über soziale Medien bleiben „steril“, führen also auch bei regelmäßigem Nachfassen nicht zu einer Anfrage.

Eine Methode, um sich fortlaufend Aufträge zu sichern, ist in jeder Branche die die Kundenpflege. Wie gestalten sich dies im Interim Management? Kann man sich auch in diesem Bereich einen loyalen Kreis an Partnern und Kunden aufbauen?

Je wichtiger die Position ist, die ein Interimmanager bekleiden soll, desto mehr geben persönliche Beziehungen den Ausschlag. Das bedeutet nicht, daß man exklusiv angefragt wird, sondern lediglich, daß man überhaupt angefragt wird. Die Interimmanager pflegen ihre Kundenkontakte ebenso sorgfältig wie die Interim Management Provider – oftmals dieselben.

Auf Loyalität sollte man nicht hoffen. Die Auftraggeber erteilen ihre Suchaufträge mehreren Interim Management Providern gleichzeitig. Die Entscheidung fällt auf der Basis der vorgeschlagenen Profile, der Eindrücke während des Vorstellungsgesprächs und schließlich der Kosten für den Interimmanager. Die Beziehung zum Interim Management Provider spielt keine Rolle.

Wechselt ein Ansprechpartner, den man über Jahre gepflegt hat, das Unternehmen, erinnert er sich vielleicht an seinem neuen Arbeitsplatz an Sie. Wenn Sie Glück haben, bestehen dort keine Bedenken gegen den Einsatz von Interimmanagern, und wenn Sie noch mehr Glück haben, bestehen auch keine restriktiven Listen von „preferred suppliers“ für Interim Management Provider. Dann haben Sie einen Gratiszugang zu einem neuen Kunden gewonnen.

Dafür kann es einem Interim Management Provider aber passieren, daß er das alte Unternehmen als Kunde verliert, wenn er den Nachfolger nicht kennt.

Wie gestaltet sich die Kostenkalkulation für einen Interim Manager?

Früher benutzte man die 1%-Regel, die besagte, daß der Tagessatz eines Interimmanagers 1% der Arbeitsplatzkosten des vergleichbaren Angestellten ausmacht. Das gilt für die Standardmandate immer noch, bei denen der Interimmanager keinen Einfluß auf das Ergebnis der Unternehmenseinheit, des Projekts oder der Tochtergesellschaft hat. Je größer die unternehmerische Komponente eines Interim-Mandats wird, je mehr also die Tätigkeit des Interimmanagers direkt ergebniswirksam wird, desto größer wird die erfolgsabhängige Komponente. Immer mehr Interimmanager gehen daher dazu über, sich für einen niedrigen fixen Tagessatz plus Spesen anzubieten und dafür eine Erfolgsbeteiligung zu vereinbaren. Das funktioniert natürlich nur, wenn das Ergebnis innerhalb der Laufzeit eines Interim-Mandats anfällt. Später wird es schwierig.

Interim Management Provider bevorzugen einen fest vereinbarten Tagessatz, der auch nach Laufzeit gestaffelt sein kann. Erfolgsabhängige Vergütungen für die von ihnen eingesetzten Interimmanager lehnen sie meist ab, aber weil sie keinen Einblick in das Zustandekommen solcher Variablen haben.

Neben dem Tagessatz fallen die Spesen an, die ein Interimmanager während seines Auftrags verursacht. Manche Interimmanager verhandeln individuelle Spesenregelungen mit ihrem Auftraggeber, andere ordnen sich den bestehenden Reisekostenrichtlinien unter. Die Spesen können einen beträchtlichen Anteil an den Gesamtkosten für einen Interimmanager ausmachen, wenn sein Einsatzort lange Flugreisen mit sich bringt und die Kosten für Unterkunft und Verpflegung vor Ort hoch sind.